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Johanna Tesch: "Wir ochsen Steuergesetze..."

Verfassungsmutter, Frankfurter AWO Gründerin und Parlamentarierin in der Weimarer Republik – ihren Lebenslauf hatte sich die 1875 in Sachsenhausen geborene Johanna Carillon, Tochter eines Schneidermeisters hugenottische  Abstammung, sicher so nicht vorgestellt.

Die Mutter dreier Söhne, seit 1899 Ehefrau des Schneiders und Ur-Sozialdemokraten Richard Tesch, der sich beruflich als Expedient zur Zeitung „Volksstimme“ veränderte, entwickelte nach der Geburt ihres Jüngsten erste politische Aktivitäten. Sie engagierte sich im „Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse“, zusammen mit Henriette Fürth und Lina Heiden. Eine Zeit lang war sie Leiterin dieses 1902 gegründeten Vereins, der sich offiziell der Volksbildung verschrieben hatte, aber dennoch als politisch verdächtig von der Polizei überwacht wurde – es gab dort auch Veranstaltungen zum Frauenwahlrecht und über wirtschaftliche Fragen.- 

SPD-FRAU MIT KURIOSEM AUSWEIS
Als es schließlich möglich war, wurde sie SPD-Mitglied. Ihr Ausweis ist ein Kuriosum: ausgestellt 1909, rückdatiert auf 1902. Im Ersten Weltkrieg engagierte sich Johanna Tesch für Kriegsbeschädigte und -hinterbliebene; sie arbeitete im Städtischen Fürsorgeamt und im „Gesamthilfsausschuss für die Opfer des Krieges“, zu denen 1917 auch ihr ältester Sohn zählte – er fiel im Alter von 20 Jahren in den Karpaten.

EINE VON 37 WEIBLICHEN ABGEORDNETEN
Johanna Tesch saß in mehreren städtischen Gremien und in der „Presskommission“ der SPD-Zeitung „Volksstimme“. Als nach dem Ende des Krieges das aktive und passive Wahlrecht für Frauen realisiert wurde, zog Johanna Tesch im Januar 1919 in die Verfassungsgebende Weimarer Nationalversammlung ein. Sie war eine von 19 Sozialdemokratinnen, eine von 37 Frauen der 421 Abgeordneten. Johanna Tesch war dort im sozialpolitischen und im Petitions-Ausschuss tätig.

SPAGAT VOM PARLAMENT IN DEN HEIMISCHEN HAUSHALT
Sie zog im September 1919 mit nach Berlin und konnte beim Frauentag in Nürnberg im Folgejahr resümieren: „Die Hauptarbeit im Parlament haben die Frauen in den Ausschüssen geleistet…“; zugleich bemerkte sie, dass noch viel harte Arbeit zu tun sei. In den schwierigen Nachkriegsjahren – von den „Goldenen Zwanziger Jahren“ zu sprechen ist teilweise Hohn – brachte sie den Spagat von Berlin nach Frankfurt zustande. Sie reiste Freitags nachts mit der Bahn zu ihrer Familie und sonntags zurück, stemmte an den Wochenenden den Haushalt, um montags wieder im Parlament zu sitzen.

Eine lebenslange Freundin wurde ihr in Berlin die Politikerin Elfriede Ryneck, ebenfalls Mitglied der Nationalversammlung. Sie teilten miteinander die harte Arbeit, wie etwa „Steuergesetze ochsen“, und erholende Aktivitäten. Elfriede Ryneck zählte zu Marie Juchacz‘ Mitstreiterinnen bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt Ende Dezember 1919 in Berlin.

MITBEGRÜNDERIN DER AWO FRANKFURT
Johanna Tesch gehörte im Herbst 1920 mit Meta Quarck-Hammerschlag und anderen zu den Gründerpersönlichkeiten des Bezirksausschusses der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt. Etwa 300 Briefe zwischen den Eheleuten Tesch geben ein faszinierendes Bild der Zeit, der heute kaum vorstellbaren alltäglichen Anstrengungen, der elementaren Lebensnot. Sie erfuhr hautnah die Bedrohungen der jungen Republik, ein Brief schildert die Ereignisse des Kapp-Putsches, das Exil des Parlaments in Stuttgart im März 1920.

JUNGFERNREDE FÜR RECHTE DER HAUSBEDIENSTETEN
Johanna Tesch zog im Juni 1920 als Abgeordnete in den Berliner Reichstag ein. Dort erlebte sie die Jahre der Infl ation, die Ermordung des Ministers Walther Rathenau, die Angriffe der Rechten auf die gewählte Regierung. Ihre „Jungfernrede“ im Reichstag galt der Frage der Hausbediensteten, deren Ausbeutung und Rechtlosigkeit sie hart anprangerte.
1924 lief Johanna Teschs Reichstagsmandat aus, sie kandidierte nicht wieder. Die Gründe sind nicht klar. Ob ihr der Spagat Frankfurt/Berlin zu viel geworden war oder ob sie von männlichen Kollegen „ausgebremst“ wurde – vielleicht war es eine Mischung von beidem? Doch aus der Politik zog sie sich keineswegs zurück. Sie trat als Rednerin bei Partei- und AWO-Veranstaltungen auf und sprach über ihre ureigenen Anliegen: Wohlfahrtspfl ege, Frauenpolitik, Bildungsfragen.

IM VISIER DER NAZIS
Ab 1933 geriet sie mit ihrer ganzen Familie ins Visier der Nationalsozialisten, sie wurden mehrfach verhört. 1943 verlor sie den zweiten Sohn, Flaksoldat in Frankfurt. Im März 1944 trafen Phosphorbomben das Wohnhaus im Riederwald. Johanna Tesch wurde am 22. August 1944 im Zuge der „Aktion Gitter/Gewitter“ verhaftet und ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Richard Tesch vermochte trotz großer Anstrengungen nicht, seine Frau freizubekommen.

TOD IM FRAUEN KZ
Häftling Nr. 72681 starb am 10. März 1945, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, chronisch herzkrank und gebrechlich, an den grausamen Haftbedingungen – wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers. Johanna Tesch war eines von 92.700 Opfern des KZ Ravensbrück, eines von 89 ehemaligen Reichstagsabgeordneten, darunter eines von 62 Abgeordneten der SPD und eines von ca. 180 der Frankfurter Arbeiterbewegung.

An ihrem Wohnhaus im Riederwald, Am Volkshaus 1, erinnert eine Plakette an Johanna Tesch; am Johanna Tesch Platz hält die U7. In Berlin wird ihrer als ermordeter Reichstagsabgeordneter mit einer Gedenktafel und einer Straße gedacht. Und die AWO und die SPD Riederwald verleihen zweijährlich den Johanna Tesch- Preis für soziales Engagement.

Hanna Eckhardt